In einem Workshop zur Teamentwicklung wollten wir gemeinsam betrachten, welches Wissen im Team vorhanden war und wo es sinnvoll wäre, dieses stärker miteinander zu teilen. Dafür hatte ich eine kurze Teach-in-Session eingeplant: 25 Minuten, in denen ein Teammitglied sein Wissen zu einem ausgewählten Thema weitergeben sollte.
Bei der Arbeit an der Skill-Matrix wurde jedoch deutlich, dass es in zwei für das Team wichtigen Bereichen größere Wissenslücken gab. Bemerkenswert war nicht allein diese Erkenntnis, sondern der Umgang damit. Niemand versuchte, die Lücken kleinzureden. Das Team konnte offen darüber sprechen, welches Wissen tatsächlich fehlte.
Dem Ergebnis folgen statt am Ablauf festhalten
In diesem Moment hätte die vorbereitete Teach-in-Session ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr erfüllt. Es gab nicht nur Wissen, das besser verteilt werden musste. In entscheidenden Bereichen musste Wissen zunächst aufgebaut oder von außen zugänglich gemacht werden. Deshalb haben wir den Ablauf angepasst.
Die vorgesehenen 25 Minuten nutzten wir, um Maßnahmen zu sammeln, mit denen sich die Wissenslücken schließen lassen. Anschließend wurden daraus konkrete nächste Schritte mit Verantwortlichen und Terminen. Die Matrix blieb damit keine Bestandsaufnahme, sondern wurde zum Ausgangspunkt für gemeinsames Handeln.
Eine Skill-Matrix zeigt, wo ein Team steht. Offenheit entscheidet darüber, ob es sich von dort aus weiterentwickeln kann.
Wissenslücken sind zunächst keine individuelle Schwäche
Skill-Matrizen können leicht als Bewertung einzelner Personen verstanden werden. Dann entsteht der Druck, die eigene Einschätzung nach oben zu korrigieren oder Lücken möglichst unauffällig zu behandeln. Für die Zusammenarbeit ist jedoch eine andere Perspektive hilfreicher: Welches Wissen braucht das Team für seine Aufgaben? Wo ist dieses Wissen vorhanden, wo hängt es an einzelnen Personen und wo fehlt es insgesamt?
Diese Fragen richten den Blick auf das System. Sie helfen, Risiken durch einseitige Wissensverteilung zu erkennen, Lerngelegenheiten zu organisieren und bewusst zu entscheiden, welches Wissen intern aufgebaut werden soll. Nicht jede Person muss alles können. Das Team sollte aber wissen, welche Fähigkeiten es zuverlässig abdecken kann und wo Handlungsbedarf besteht.
Was Offenheit wahrscheinlicher macht
Offenheit lässt sich nicht anordnen. Der Rahmen eines Workshops kann sie aber erleichtern. Dazu gehört, den Zweck der Matrix vorab zu klären und sie nicht als verdecktes Leistungsranking zu verwenden. Individuelle Einschätzungen sollten besprechbar sein, ohne dass Menschen sich rechtfertigen müssen.
Ebenso wichtig ist die Reaktion auf eine erkannte Lücke. Wenn darauf Schuldzuweisungen folgen, wird die nächste Bestandsaufnahme weniger ehrlich ausfallen. Wenn daraus dagegen konkrete Lernmaßnahmen, Unterstützung und realistische Prioritäten entstehen, erlebt das Team, dass Offenheit einen praktischen Nutzen hat.
Von der Matrix zur Veränderung
- Zweck klären: Geht es um Lernbedarf, Risikoverteilung, Teamzuschnitt oder die Vorbereitung konkreter Aufgaben?
- Relevantes Wissen bestimmen: Nicht jede denkbare Fähigkeit gehört in die Matrix. Entscheidend ist, was das Team für seine Arbeit benötigt.
- Einschätzungen gemeinsam betrachten: Unterschiede und Unsicherheiten sind Gesprächsanlässe, keine Fehler.
- Lücken priorisieren: Nicht alles muss sofort geschlossen werden. Wirkung und Risiko helfen bei der Auswahl.
- Maßnahmen verbindlich machen: Zu jedem priorisierten Thema gehören ein nächster Schritt, eine verantwortliche Person und ein Termin zur Überprüfung.
Die Methode selbst ist unkompliziert. Anspruchsvoll ist der soziale Teil: einen Raum zu schaffen, in dem Menschen sagen können, was sie wissen, was sie noch nicht wissen und wobei sie Unterstützung brauchen. Erst diese Offenheit macht aus einer Bestandsaufnahme einen Ausgangspunkt für gemeinsames Lernen.
Fragen für die eigene Praxis
- Würde unser Team offen sagen, wenn wichtiges Wissen fehlt?
- Nutzen wir eine Skill-Matrix zur Entwicklung oder wird sie als Bewertung erlebt?
- Welche Wissensabhängigkeiten gefährden aktuell unsere Handlungsfähigkeit?
- Wer übernimmt für priorisierte Lernmaßnahmen den ersten Schritt – und bis wann?